INTERVIEWS VOM TAUTENHAHN:
Erick von Däniken, Nigel Kennedy, Tommy Emmanuel, Diane Hanson
Paolo Conte Interview
Rainer Tautenhahn Ingolstadt 30.10.2010

RT
Herr Conte, in manchen Momenten können Sie wie ein Schlitzohr, ein Lausbub grinsen über was freuen Sie sich in solchen Momenten im Inneren?
PC
Solche Momente gibt es zum Glück öfter für mich. Dann bin ich von einem bestimmten Rhythmus berührt, den mein Gegenüber ausstrahlt. Oder ich freue mich sehr über die Worte und Anschauungen des Menschen, mit dem ich meine Zeit teile. Und nicht zu vergessen: für mich sind das vielleicht glückliche Momente, weil sie erfüllt sind von den Rhythmen meines Orchesters, das mir gefällt. Die Musik bringt mich in gute Stimmung…
RT
Haben Sie sich in jungen Jahren schon ausgemalt, was Sie mal machen wollen?
PC
Nein, zuerst wollte ich Arzt werden. Diese Menschen haben mich sehr beeindruckt und das tun sie heute noch. Dann bin ich aufgrund meines Familienhintergrunds mein Vater, mein Onkel, mein Großvater waren alle Männer der Rechtswissenschaft - Rechtsanwalt geworden. Aber letztlich glaube ich, habe ich in mir schon den Wunsch getragen Künstler und Musiker werden.
RT
Welchen Kindheitstraum haben Sie sich erfüllt?
PC
Ganz klar den des Musikers. Ohne wenn und aber ohne Punkt und Komma. Musik zu machen. Das war ein großer Traum, den ich umgesetzt habe.
RT
Schildern Sie doch den Tag, an dem Sie sich entschlossen hatten, selbst auf die Bühne zu gehen.
PC
Ich saß in Verona alleine vor meinem Piano. Während des ganzen Tages hatte ich geübt und geübt und dabei eine Flasche Wasser auf dem Boden völlig vergessen. Dann war es Abend und ich kam zurück zu meinem Piano auf die Bühne. Diesmal war der Saal voll mit Publikum. Es war dunkel und ich bin aus Versehen so heftig gegen die Wasserflasche getreten, dass sich der Inhalt im Publikum verspritzte. Allein in diesem Punkt ein bemerkenswerter erster Auftritt. Aber es wurde ein richtiger Erfolg daraus.
RT
Als Sie geboren wurden spielte man in den Clubs in London, Paris, Berlin und Rom die beste Musik. Kennen Sie „Charlie And His Orchestra“? Als eine Folge der Jazz-Verbote der Nazis mussten viele der besten Swingmusiker und Hot-Solisten des Kontinents unter Zwang zusammen in einem Orchester spielen, wo sie ihr Bestes geben mussten, um zu überleben.
Hinter der Phantom-Band "Charlie And His Orchestra" standen der Bandleader Lutz Templin, der Jazz-Sänger Karl "Charlie" Schwedler - aus Italien der Trompeter Nino Impallomeni und der bedeutende Jazzpianist Primo Angeli, aus Belgien der Klarinettist Benny de Weille und der Posaunist Josse Breyre, außerdem der Meistergitarrist Meg Tevelian und aus Deutschland der Posaunist Willy Berking, der Tenorsaxophonist Eugen Henkel und der Schlagzeuger Fritz Brocksieper.
Können Sie sich vorstellen, damals Teil eines solchen Orchesters gewesen zu sein?
PC
Ob ich den Jazz aufgegeben hätte? Die Großen haben weiterhin Jazz gemacht. Auch während des Krieges haben die Amerikaner weiter Platten gemacht für die amerikanischen Truppen. Es waren hier sicher Augenblicke der Krise, aber sie haben nicht ihre Sichtweise auf die Musik verändert.
RT
Wieso gibt es heute nur noch so wenig von dieser Musik?
PC
Ich finde die heutige Musik insgesamt etwas ärmlich. Sie leidet darunter, dass ihr der harmonische Glanz, der Lack fehlt. Ich glaube, die Welt eilt zu schnell vorwärts und viele Dinge werden vergessen. Und ich will nicht Vergessen. Mein Geschmack bringt mich auch in der Moderne dazu, die bewährten Sachen zu suchen, die es verdienen erhalten zu bleiben.
RT
Unter welchen Umständen erblüht Ihre Kreativität oder: Was entzündet Sie?
PC
Es sind immer Chancen, die sich da in meinem Kopf auftun. Und die muss ich dann ergreifen und nutzen. Sonst sind sie weg. Wie die Chancen in meinen Kopf kommen, kann nur ein sehr geheimnisvoller und mysteriöser Weg sein. Es kommt die Verzweiflung, sie kommt unauffällig, vielleicht während des Klavierspiels, spürst du unter den Fingern etwas, das beginnt geboren zu werden. Und von diesem Punkt aus, langsam, langsam…entsteht etwas.
RT
Welche Lieder anderer Künstler hätten Sie gerne geschrieben?
PC
Da gibt es ganz viele: all die amerikanischen Lieder vor allem zwischen 1930 und 1940; da gibt es eine unendliche Menge. Dann noch einige wunderschöne französische Chansons und schließlich etwas seltener auch deutschsprachige Lieder. Aber ich entscheide mich jetzt für Stardust von Hoagy Carmichael. Der hat das Lied 1927 geschrieben. Der Text kam ja erst zwei Jahre später, also 1929 von Mitchel Parrish dazu.
RT
Ich arbeite gerade an einem Projekt mit Namen SonicPicture, bei dem ich aus Stimmen und Geräuschen Bilder mache. Wenn Sie Ihrer Stimme Farben gäben: Was wäre die dominante Farbe, welche wäre mehr, welche weniger vorhanden?
PC
Müssen Sie mir zeigen. Also bei mir hängt das mit den Farben von der Tonart der Musik ab. Und das sähe dann zum Beispiel so aus: f ist rot, e-Moll ist ein leichtes hellblau und b-Moll ein tiefes dunkelblau.
RT
Wenn Sie die Wahl hätten, in welchem Ihrer Lieder würden Sie gerne leben?
PC
Da muss ich nicht lange überlegen. Am liebsten würde ich in Via con me leben. Da ist eigentlich alles drin, was das Leben lebenswert machen könnte… oder, aber ja, Sotto le stelle del Jazz, weil es von der Zeit erzählt in der ich jung war.
RT
Sie interessieren sich für die Kultur der Indianer und glauben, dass das Universum ein unendlicher Kreis ist. Wären Sie gerne eher ein Indianer aus Nordamerika mit Tipi, oder einer aus Mittelamerika mit Pyramide?
PC
Dann würde ich die Cheyenne Indianer wählen. Ein nomadisches Leben mit ihnen in Nordamerika, mit teilweise sesshaften Epochen. Das würde mir Spaß machen. Weil diese Menschen aufregender sind, weil sie ein Volk waren, das auf einer enormen Fläche umherzog. Wir haben über diese Bilder überhaupt von der landschaftlichen Schönheit von Amerika erfahren.
RT
Sie meinen wohl vor der Zeit in der Mitte des 19. Jahrhunderts!? Denn danach hatte die Eisenbahn die Lebensräume der Cheyenne durchschnitten.
PC
Ich weiß nachdem ich mich ein wenig in die Geschichte vertieft habe sie hatten trotz des Auftauchens der Weißen ungeheuer viel Territorium. Nur, nachdem sie Nomaden waren wollten sie von einem Teil des Landes zum anderen gelangen, aufgrund der wechselnden Jahreszeiten, der Jagd. Und so haben sich die Weißen und die Cheyenne nicht verstanden. Die Weißen wurden sesshaft und spielten mit dem Vorsatz die Umgebung zu zivilisieren und die anderen wollten sich bewegen, weiterziehen….
RT
Und die Eisenbahn?
PC
Es war einmal ein Hügel. Auf der einen und auf der anderen Seite je ein Indianer, die sich Rauchzeichen gaben. An einem bestimmten Punkt kommt ein Zug vorbei: puff,puff… Da sagt der eine zum anderen: Wozu diese Schreibmaschinen!?
RT
Was gefällt Ihnen an der heutigen Generation? Welche Unterschiede gibt es zu früher und heute?
PC
Gefallen und Unterschiede… Mmmh, ich glaube, frühere Generationen haben sich nicht so von den Massenmedien beeinflussen lassen, oder sich nicht in einem so hohen Maße davon abhängig gemacht. Die Jungen von früher hatten auch viel weniger Möglichkeiten. Sie hatten das Gefühl von mehr Zeit. Um das erste Moped zu besitzen haben wir, ich weiß nicht, wie lange gewartet. Um Frauen zu gefallen, haben wir Jahre zuvor von ihnen geträumt. Jetzt ist alles anders jetzt gibt es alles, steht alles zur Verfügung.
RT
Welchen spektakulären juristischen Fall hätten Sie als Anwalt gerne übernommen?
PC
Das kann ich nicht genau eingrenzen. Natürlich habe ich einige Verfahren verfolgt. Und da würde ich einige Verhöre gerne genauer unter die Lupe nehmen wollen. Einen speziellen Fall nicht. Ich bin schon seit einiger Weile nicht mehr Rechtsanwalt. Aber manchmal, wenn ich nicht schlafen kann, erfinde ich Fälle, die ich lösen kann und vertreibe mir damit die Zeit.
RT
Wenn die Welt nur gut und schön wäre, was würden Sie vermissen?
PC
Ha, ich würde dieses Noble und Schöne an dem vermissen, was aus Armut oder Bedürftigkeit entsteht. Und dieses Elegante an der Verruchtheit der Künste. Naja, wenn man jung ist möchte man den Frieden ein wenig stören, weil man zu viele Träume und zu viel Kraft hat. Aber wenn man älter wird möchte man immer mehr den Frieden und die Ruhe.
RT
Was ist für Sie Glück?
PC
Glück beschreibe ich als einen wilden, ungezähmten Geschmack. Genau weiß ich es nicht. Wenn ich noch einmal leben könnte, wäre ich gerne gesund, schön und ein wenig dumm.
RT
Was ist für Sie eine reine Seele?
PC
Eine Seele ist eine Seele ist eine Seele… Eine Seele, die ganz Seele ist. Basta!
RT
Im aktuellen Album Nelson trägt Nina im gleichnamigen Song ein gelbes Kleid und eine schwarze Kette. Bitte erzählen Sie mehr von Nina.
PC
Die Bekleidung habe ich für diese Figur gewählt. Ich finde, dass gelb und schwarz wunderbar auf der bronzenen Haut einer Frau mit dunklem Teint wirkt. Für mich sind das schöne Farben. Der Song ist meiner Frau gewidmet. Um die Fantasie anzuregen: Meine Frau ist definitiv Italienerin aber wirklich: sieht sie nicht aus wie eine echte Brasilianerin?
RT
Danke für den Fantasieanstoß und vielen Dank für das Gespräch.
PC
Ich danke Ihnen für die schönen Fragen…