INTERVIEWS VOM TAUTENHAHN:
Erick von Däniken, Nigel Kennedy, Tommy Emmanuel, Dian Hanson


"Nigel Kennedy über seine leisen Töne im Leben"

Interview 19.03.2009, gegen 0 Uhr 45, Bandraum im Keller der Wackerhalle.
Auftritt des Nigel Kennedy Quintett, Burghauser Jazzwoche 2009, A Very Nice Album
(Nigel Kennedy Quintett: Nigel Kennedy, elektrische Violine; Adam Kowalewski, Bass; Paweł Dobrowolski, Schlagzeug; Tomasz Grzegorski, Tenor Saxophon; Piotr Wyleżoł, E-Klavier)

RT
Sie fanden unser Wetter heute nicht gut? Es war doch nur leicht bewölkt und mit dem Fön hatte man einen tollen Blick in die Berge.

Kennedy
Das Wetter war sehr schön, aber ich bin nicht an die fucking Sonne gewöhnt. Wir sehen das in England einfach viel zu selten.

RT
Wenn Sie Wetter als Geräusch sehen, mögen Sie das Wetter dann eher laut oder leise?

Kennedy
Ich mag das Wetter laut, weil es zeigt, dass das Wetter die Kontrolle hat. Das beruhigt mich. Weil ich weiß, dass wir einfach nicht die Kontrolle über alles haben.

RT
Das Nigel Kennedy Quintett hat heute Stücke aus „A Very Nice Album“ gespielt. Ihr Instrument klang nach einer Mischung aus Violine, einem Synthesizer von Brian Eno, einer E-Gitarre von Pink Floyd und einem Mini Computer von Kraftwerk.

Kennedy
Ich mag diesen Stilmix einfach. Schauen Sie, als Syd Barrett bei Pink Floyd gegangen worden war, da hat die Band einfach Frieden gefunden. Die Sondscapes, die sich durch diese Ruhe entwickeln konnten. I love that shit. Dazu kommt auch bei uns der Gesamteindruck durch meine vier polnischen Jungs.

RT
Kritiker sagen, A Very Nice Album ist ein zu gewagtes Projekt und sind entrüstet. Mit diesem Experiment sollen Sie einfach zu weit gegangen sein.

Kennedy
Uhhhh, also dann: Entschuldigung.....(lacht SEHR dreckig)

RT
Gab es Experimente in Ihrem Leben, die nicht nach Plan verliefen. Etwas in den Sand gesetzt?

Kennedy
Ja, vielleicht meine Bemühungen beim Fußballverein Aston Villa. Das war 1982 und ich unterstützte die Sache wo ich nur konnte. Danach ging es eigentlich nur bergab. Man kann sich nicht immer aussuchen, wem man folgt. Man geht hin, schaut sich sein Team an. Und dann passiert das, was Leben ist: man kann nicht kontrollieren, was da draußen auf dem Platz passiert. Musik lässt sich auch nicht ganz kontrollieren, aber man kann ihr eine Form geben. Beim Fußball ist man passiver Teilnehmer. Man versucht mitzumachen, ein Geräusch zu sein, aber oft bleibt nur ein leises Quieken.

RT
Es gibt Klassik- und Jazz-Fans, die Ihnen Arbeiten wie das NKQ nicht verzeihen und sich brüskiert abwenden.

Kennedy
Hoffentlich waren heute Abend welche da.

RT
Anscheinend, einige hielten sich schon nach 10 Minuten die Hand vor den Mund, die Augen aufgerissen, und schienen empört. Das hielt das ganze Konzert durch, auch wenn sich ein paar dabei erwischten, mit den Füßen mitzuwippen.

Kennedy
(lacht dreckig) Wir haben sehr sanft angefangen, weil es ja hier das Jazz-Festival ist. Danach haben wir einfach darauf aufgebaut und unser Ding durchgezogen. Vielleicht waren die Leute ja auch nur entsetzt, weil wir auf der Bühne Bier getrunken haben.

RT
Sind Ihnen dann Töne wie „Uhhh....“, “Mhmhmhmh....“, „Najaaaaa....“ egal?

Kennedy
Das ist doch völlig stereotyp. Ich denke, Publikum kommt doch immer, um etwas Neues zu hören. Etwas, das sie noch nicht kennen, dass sie mitnehmen können. Sonst können sie auch gleich zu Girls Aloud, Britney Spears oder irgendwie so was gehen.

RT
Wenn Sie einen Fan von solchen Konzerten für das Thema Jazz erwärmen wollten, würden Sie dann bei Nigel Kennedy anfangen?

Kennedy
Vermutlich nicht... Das sind große Jazz Musiker in meiner Band, aber wir spielen nicht wirklich Jazz. Wir improvisieren und es ist völlig offen, was da an Tönen rauskommt. Aber auf der anderen Seite: Jazz ist ein so große Genre, man kann doch eigentlich gar nicht starr festlegen: das ist Jazz! Am besten geht man zu den historischen Wurzeln zurück und beginnt mit etwas wie Louis Armstrong oder Cannonball Adderley. Es ist gut, sich nach vorne zu bewegen, aber von Anfang an. Rückwärts hört sich doch eher mies an.

RT
Einige prominente Musiker stoppten ihre musikalische Karriere auf einem Höhepunkt – um niemals wieder aufzutreten. Beatles, Abba...

Kennedy
Ok, ich denke die Beatles und Abba hatten ein Problem: Sie heirateten untereinander – im Fall der Beatles halt alle Männer. Das war eine kreative Fermentation, die typisch für diese Zeit war. Da hört man dann eher auf den Partner, als auf die Töne... (lacht). Aber: vier Leute zusammen, die können gar nicht für alle Zeiten Musik miteinander machen. Sie müssen mal in eine neue Richtung gehen. Was ich interessant finde - das Esbjörn Svensson Trio zum Beispiel. Als sie ihr Wonderland machten, war das ein epischer Höhepunkt in der Zeit Piano Trios. Wer weiß, was wir in der Zukunft noch von den drei Menschen hören werden? Man kann es nicht sagen, aber bei Bands mit drei oder vier Mitgliedern – die müssen sich irgendwann trennen, um ihren eigenen Konzepten zu folgen.

RT
Falls Ihnen doch mal der Gedanke kommt, die Karriere an den Nagel zu hängen, was würden Sie machen. Fischkonserven wie Abba?

Kennedy
Ich würde mich sehr wahrscheinlich dranmachen, eine „Fish´n Chips“ Kette zu eröffnen.

RT
Was?

Kennedy
Ja Mann! Das würde ich gerne machen, gerade in Ländern, die keine guten Fish´n Chips Läden haben. Und es gibt eine Menge davon. Man hört gar nichts, wenn man da reinbeißt.

RT
In Fußgängerzonen vor den Passanten zu spielen, darf ich mir das als spannend vorstellen?

Kennedy
Als ich als junger Mann auf dem College in New York war, habe ich mich dort oft rumgetrieben, New York ist teuer. Ich habe einen fantastischen Punkt gefunden: vor dem fucking Tiffanys Diamond Store in der Fifth Avenue. Wir haben diesen Platz besetzt und spielten dort. *&%$§=§ - Reiche kamen da raus und warfen dir einen 50 Dollar Schein in den Korb. Der Bruchteil dessen, was ein Diamant kostet – 50 Dollar ist nichts, für uns war das ein Haufen Geld. Und es lehrt einen sehr, was Menschen über Musik denken und fühlen. Wenn sie ein Gefühl dafür haben, dass es gut ist, bleiben sie stehen. Ansonsten gehen sie einfach vorbei.

RT
Sie spielen auch Stücke von Peter Gabriel, oder den frühen Genesis, die mit Zwischentönen damals eine Menge erreichten. Mögen Sie doch auch!?

Kennedy
Ich mag den Platz, den man sich schaffen kann. Die Notenlinie ist ja nur Teil einer internationalen Vereinbarung. Es ist nicht so, dass ich einfach mein Blatt runterspielen will. Es ist immer ein Check, schauen, was ist in der Stille. Was ist da noch möglich.

RT
Sie sind mit einer Polin aus Krakau verheiratet. Georg der Reiche hatte die Burg in Burghausen....

Kennedy
....dieser Riesenkasten? Ich hätte hier ein Feuerzeug, Mann wäre das ein Brand... Ich bin kein Fan von Adel! Gehen wir?

RT
Später vielleicht, oder eher Nein. Da lebt ja jetzt kein Adel mehr. Georg heiratete in Landshut die Krakauerin Hedwig Jagiellonica. Die beiden hatten 5 Kinder, es überlebten aber nur zwei Mädchen, kein Stammhalter. Es gab schreckliche Erbfolgekriege, Bayern wurde nie wieder so reich. Es ging doch nur darum, dass man nicht das bekam, was man haben wollte.

Kennedy
Öl und Wasser... immer dieselbe Geschichte. Aber ich glaube, es geht keine Gefahr mehr von Bayern aus. Das kommt eher aus Amerika, den fucking USA.

RT
Haben Sie mal was erreicht, in dem Sie einfach nichts sagten, sich zurückgenommen haben?

Kennedy
Yeah Mann! An dem Punkt, an dem ich über drei vier Jahr aufgehört habe, klassische Musik zu spielen. Das gab mir eine Menge Raum, ich war nicht mehr die ganze Zeit auf der Bühne. Ich hatte die Möglichkeit, in einer kleinen Stadt in England zu leben. Etwas Musik schreiben und Teil einer Gemeinschaft zu sein. Das ist sehr wichtig im Leben. Als Musiker stehst du auf der Bühne, vor dir das Publikum. Man kann tun, was man will. Da tut es gut, mal für eine Zeit in einer Gemeinschaft mit anderen zu leben. Ihr Leben mitleben, schauen, was das so macht, was da passiert.

RT
Danke!

Kennedy
Yeah, gut, wir haben uns jetzt echt ein Bier verdient, ich hol mal welches...

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