INTERVIEWS VOM TAUTENHAHN:
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"Showtime"

Dem Kult um Schuh, Fuß und Strumpf sind nicht nur Männer erlegen. Leg Show, das weltweit erfolgreichste Magazin für Beinfetischisten, wird von einer Frau gemacht. Chefredakteurin Dian Hanson 1999 in New York im AMICA-Gespräch mit Rainer Tautenhahn. (Foto: Anelli Adolphson)

Amica
Machen Sie ihre Arbeit aus dem Bauch heraus, oder haben Sie sich einem Fetisch verschrieben?

Dian Hanson
Frauen neigen nicht dazu, sexuelle Obsessionen zu haben. Da ist ein Unterschied in der Chemie des Gehirns. Frauen haben meist keine Fetische oder allgemein bekannte „sexuelle Perversionen“. Ich hatte immer ein Interesse an Sexualität und an Kunst, die sich mit Sexualität beschäftigt. Mit 14 ging ich in eine Bibliothek und entdeckte Krafft-Ebings „Psychopathia Sexualis“. Es hat mich sehr beeindruckt, über Männer zu lesen, die ihren Höhepunkt nur dann bekamen, wenn sie ein benutztes Taschentuch aufhoben, getragene Schuhe oder Strümpfe besaßen. Ich hatte Sympathie für diese Menschen.

Amica
Hatten Sie damals selbst schon Interesse an Sex?

Dian Hanson
Natürlich habe ich mich auch für „normalen“ Sex interessiert. Ich wollte Sex mit Männern haben, klar. Aber ich hatte auch Schuldgefühle, denn ich lag mit Vorstellungen im Bett, entführt zu werden, und Männer würden mich zwingen, verbotene Sachen zu tun. Ich glaube, dass meine Leser und Leserinnen sich wohl manchmal genauso fühlen. Das gilt für Männer wie für Frauen.

Amica
Ist ein Teil ihrer Arbeit mitzuteilen, dass Sex mehr sein kann als eine schnelle Nummer?

Dian Hanson
Mit Sicherheit! Ich sehe mich als Botschafterin. Als Kind war ich sehr unglücklich und alleine mit meinen Phantasien, über die ich ja nicht sprechen konnte. Und ich sehe bei so vielen meiner Leser, dass sie ein unglückliches, frustriertes Leben führen. Sie fühlen sich schuldig, einen Fetisch zu haben. Ich habe die Begabung, Männern und Frauen zu sagen, was normale Sexualität sein kann.

Amica
Auch die fordernde Sexualität einer Frau?

Dian Hanson
Männer stellen sich oft vor, von einer Frau wild und aggressiv begehrt zu werden. Ihnen wird beigebracht, dass sie die Aggressiven zu sein haben. Bietet ein Mann, der ja durchaus seine feminine Seite hat, nicht so viel Aggression, hält ihn die Gesellschaft leider nicht für vollwertig.

Amica
Männliche Aggressivität und weibliche Hingebung. Ist das nicht ein überholtes Rollenmuster?

Dian Hanson
Ich denke nicht. Die Chemie im Gehirn eines Mannes ist grundsätzlich anders als die im Gehirn einer Frau. Testosteron beeinflusst das männliche Gehirn schon vor der Geburt, aggressiver zu sein. Frauen, die Testosteron nehmen, können so aggressiv wie Männer werden. Manche Frauen aus der Bodybuilderszene nehmen Steroide. Viele dieser Frauen sind sexuell leichter erregbar. Zusätzlich kann sich die Klitoris vergrößern. Sie gelangen auch leichter zum Orgasmus. Frauen experimentieren derzeit mit Viagra, das den Körper auf Sex vorbereitet. Aber eben nur den Körper und nicht den Kopf.

Amica
Männer verschweigen oft ihre geheimen Wünsche aus Angst, ausgelacht zu werden. Akzeptieren Frauen einen Mann mit einem Fetisch, ohne zu lachen?

Dian Hanson
Manche Dinge, die als Perversionen angesehen werden, nimmt man sehr ernst, andere hingegen gelten immer als komisch. Ein Mann, der sich wie eine Frau anzieht, gilt als komisch. Mick Jagger zum Beispiel kniete mal während eines Konzerts vor seiner Backgroundsängerin nieder, zog ihr den Schuh aus und steckte den zierlichen Fuß tief in seinen großen Mund, was ihr sicherlich gefallen hat. Frauen können diese Form des Fetischismus leichter akzeptieren, weil sie davon nicht bedroht werden. Es gibt Männer, die darauf stehen, Frauen als kleine Mädchen anzuziehen, um sie zu peitschen – viele Frauen mögen das auch -, und Frauen lachen nicht über diese Männer, und auch Männer lachen nicht über diese Männer. Wenn der Fetisch einer maskulinen, aggressiven Linie folgt, lacht keiner darüber. Sobald es feminin wird, lachen sie.

Amica
Lack, Leder, Gummi oder S/M sind doch trendy.

Dian Hanson
Teilweise! Aber „echter“ Fetischismus ist nicht trendy. Sich inLack oder Leder zu kleiden und auf eine Party zu gehen, ist modern. Aber als Vierzigjähriger mit Bauchansatz und einer Erektion auf derselben Party zu stehen und mit zitternder Stimme eine Frau zu fragen, ob sie ihn peitschen würde – das ist nicht trendy. Wir haben mit Sex nicht mehr viel am Hut. Unsere Gesellschaft steht eher auf Mode. Vielleicht ist das nicht besonders schön zu sagen, aber es ist so.

Amica
Beobachten sie das lediglich in den USA?

Dian Hanson
Wie das in Deutschland ist, kann ich nicht sagen, aber ich habe gehört, dass es dort sehr viele interessante Clubs gibt. Hier an der Wand hängt ein Foto einer deutschen Leg-Show-Leserin. Man sieht ihre gepiercten Schamlippen, und sie hat sich ein Paar Schuhe in die Ringe gehängt. Frauen aus den USA würden mir nie so ein Foto schicken. Deutsche Frauen zeigen da mehr Eigeninitiative, auch wenn sie mir schreiben.

Amica
Können auch Eltern ihren Fetischismus ausleben?

Dian Hanson
Die Sexualität formt sich im Alter zwischen drei und sieben Jahren. In dieser Zeit hat das Kind eine eigene, starke Sexualität. Es sind oft nur sehr kleine Dinge, die die Sexualität prägen. Es kann sein, dass der Vater sich als Frau anzieht, und es macht dem Kind nichts aus, wenn es das sieht. Es kann aber auch sein, dass das Kind einen Western im Fernsehen sieht, in dem eine Frau überfallen und gefesselt wird, und es ist sein Leben lang auf Bondage fixiert.

Amica
Es ist ok, seine Kinder mit Fetischismus zu konfrontieren?

Dian Hanson
Ich denke, es ist nicht sehr förderlich, vor dem Kind in Aktion zu gehen. Auf der anderen Seite spürt ein Kind aber auch, wenn die Familie etwas zu sehr vor ihm versteckt. Das ist wie ein missing link, etwas Fehlendes.

Amica
Und wenn das Kind ein „Spielzeug“ findet?

Dian Hanson
Ich kenne Leute, die sehr offen mit ihrer speziellen Art, sich zu kleiden, umgehen. Das Kind fand ein Korsett im Wäschekorb und fragte, was denn das für ein komisches Teil sei. Ein Kind wird verstehen, wenn man ihm sagt, dass Mami und Papi ab und zu mal verkleiden spielen.

Amica
Entstehen also spätere Vorlieben nicht alleine aufgrund von sexuellen Motiven?

Dian Hanson
Prägungen kommen oft aus Situationen, die gar nichts mit Sex zu tun haben. Ein Leser bastelt kleine Wachsfiguren, geht in Geschäfte und schiebt sie unter Schuhe von Frauen mit hohen Absätzen. Treten die dann darauf, schüttelt ihn ein heftiger Orgasmus. Dann versucht er, diesen kleinen Mann zurückzubekommen, mit dem Abdruck des Absatzes drin. Zu Hause kann er noch Wochen über dieser Wachsfigur masturbieren. Das Ganze begann, als er als Junge auf dem Boden spielte und eine Nachbarin, die ihm sehr gefiel, aus Versehen auf seine Hand trat. Die Verletzung war sehr heftig, die Nachbarin drückte ihn an ihren Busen und liebkoste ihn. Kurz, sie widmete ihm all ihre Aufmerksamkeit. Er wurde durch diese Situation sehr stark erregt. Eine prägende Situation, die offensichtlich nichts mit Sex zu tun hatte.

Amica
Chefin eines Fetischmagazins – war das ihr Jugendtraum?

Dian Hanson
Als junges Mädchen wollte ich Ärztin oder Wissenschaftlerin werden. Ich interessierte mich von klein auf für wissenschaftliche Arbeiten. Damals bin ich oft in den Wald gegangen und habe untersucht, wie Käfer eigentlich funktionieren…

Leg-Show erscheint seit 1979 monatlich in den USA. Die weltweite Auflage liegt bei etwa 300.000 Exemplaren und gilt als erfolgreichstes Fetischmagazin. Dian Hanson war von 1987 bis 2001 Chefredakteurin des Fuß- Bein-Blattes. Ihre Editorials erreichten Kultstatus. Für jede Ausgabe ließ sie sich fotografieren, ohne ihr Gesicht zu zeigen. Dian Hanson kämpfte als Hippie für die sexuelle Revolution, studierte die Eigenheiten männlicher Lust und veröffentlicht seit über 25 Jahren pornografische Magazine und Bücher. Für den Kölner Taschen-Verlag ist Dian Hanson seit 2002 in Los Angeles für die "Sexy Books" zuständig und weiterhin sehr erfolgreich.

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